Ein Firmeninhaber leistet immer vollen Einsatz zugunsten seines Unternehmens. Er bringt über Jahre, oft über Jahrzehnte, seine ganze Arbeitskraft ein. Meist 120 oder sogar 150 % einer normalen Arbeitszeit. 70 bis 80 Wochenstunden sind die Regel, nicht die Ausnahme.

Folglich ist es für Unternehmer noch wichtiger als für „normale Angestellte“, über ihren Ausgleich zwischen Arbeiten und Leben nachzudenken und gravierende Disbalancen zu bereinigen. Warum ist Work-Life-Balance im Hinblick auf die Nachfolgefrage von Bedeutung? Was meint Work-Life-Balance im Detail und wie lässt sie sich verwirklichen?

Ein frühzeitiges und systematisches Nachdenken über die eigenen Lebensprioritäten erfolgt leider viel zu wenig. Und meist nur dann, wenn ein vermeidbarer Schicksalsschlag dies bewirkt. So kann eine gesundheitlich bedingte „Ohrfeige“ den Unternehmer zum Nachdenken bringen, zur Überprüfung seiner persönlichen Work-Life-Balance.

Die individuelle Ausgestaltung der persönlichen Lebensziele bedingt Antworten auf verschiedene Fragen: Was mache ich, wenn ich 50 Jahre alt bin? Was ist in meinem Leben Pflicht, was ist Kür? Habe ich genügend Spass in meinem Leben? In welche Hobbies ist jetzt zu investieren, damit ich bei einer allfälligen Nachfolgeregelung ein ausgefülltes Leben habe? Welchen Stellenwert hat in 15 Jahren die Familie? Wird aktuell genügend Zeit reserviert für die Begleitung der Kinder? Soll der berufliche Rückzug in Etappen erfolgen? Zuerst ein Rückzug aus der operativen Geschäftsleitung, dann als Verwaltungsratsdelegierter und zuletzt als VR-Präsident?

Mögliche Interessenkonflikte gibt es genug. Hier kann eine subjektive Auslegeordnung helfen, zuerst "bilateral" oder "unter vier Augen" mit dem externen Vertrauten, dann in der engeren Familie und zuletzt mit den Schlüsselpersonen im Betrieb.

Nicht das Nacheinander, sondern das Nebeneinander von Beruf und Privatleben ist der Schlüssel zu einem erfüllten Leben. Work-Life-Balance ist keine Altersvorsorge, bei der man das Angesparte später ausgezahlt bekommt. Sie ist nicht auf die ferne Zukunft gerichtet, sondern auf die unmittelbare Gegenwart und beginnt jetzt und hier. Denn wer den einzelnen Tag nicht lebt, wird sein Leben nie erleben.

Um im Sinne einer funktionierenden Work-Life-Balance einen wirklichen Hebel ansetzen zu können, ist eine andere Denkweise erforderlich. Das eigentliche Augenmerk gilt der Effektivität. Warum arbeite ich eigentlich so viel?

Aus.Ruhen! Die Ruhezeit ist der Baustein, der am häufigsten zu kurz kommt. Was nach der Arbeit vom Tag übrig bleibt, wird so gut es geht als Ichzeit und Familienzeit verplant. Ruhezeit dagegen hat in unserem von andauernder Aktivität gekennzeichneten Leben den Charakter von etwas Nutzlosem nach dem Prinzip: wer rastet rostet.

Den Zustand der Ruhe empfinden wir häufig als Leere, was unserer Vorstellung von Produktivität zuwiderläuft. In der Ruhe „geschieht“ nichts und dieses Nichts macht uns Angst.

Bereits Cicero erinnert daran, dass der kein freier Mensch ist, der sich nicht auch einmal dem Nichtstun hingeben kann. Ruhezeit muss genauso aktiv geplant und gemanagt werden wie die übrigen drei Bausteine der Work-Life-Balance.

Im Gegensatz zu den drei aktiven Zeiten (Arbeit, Ich, Familie) geht es bei der Ruhezeit primär darum, das ansonsten prall gefüllte Leben etwas zu entschlacken, sinnvoll zu entleeren, um Platz für Neues zu schaffen. Denn in ein volles Glas kann man nichts hineingiessen (so einer der Leitsätze der Zen-Meditation).

Pausen einzurichten und einzuhalten, Tätigkeiten sauber abzuschliessen und für Phasen des Übergangs zu sorgen ist eine der wirksamsten Strategien gegen die Ruhelosigkeit, die uns ständig umtreibt. Dies gilt sowohl beruflich wie privat. Reifeprozesse geschehen in Schüben, die erst durch die Pausen dazwischen erkennbar werden. Ohne Pausen hört nichts auf und fängt nichts an. Wer pausen-los lebt, ist ein Automat.

Mehr Ichzeit ermöglicht, Neues zu erkunden. „Wenn ich weniger arbeite, kann ich ja nicht nur mehr schlafen. Was soll ich denn mit der vielen Freizeit anfangen?“ Vor dieser Frage stehen viele Unternehmer. Wer auf der einen Seite etwas wegnimmt, muss auf der anderen etwas hinzufügen, will er nicht in eine neue Disbalance geraten. Während die Ruhezeit primär im Zeichen der Entschlackung und Entsorgung steht, dient die Ichzeit dazu, das Leben mit neuen persönlichen Inhalten anzureichern. Im Gegensatz zur Beziehungszeit stellt die Ichzeit dabei den Baustein im Work-Life-Balance-Portfolio dar, der für einen ganz persönlich reserviert ist.

Welche persönliche Kernkompetenzen sind im dritten Alter aufzubauen?

Nach der Analysephase erfolgt die aktive Gestaltung des eigenen Lebenskonzeptes, vorzugsweise in Zehnjahres-Etappen. Hilfreich ist dabei der Einsatz einer Kompetenzpyramide, die dank ihrer Form zu Prioritätenbildung zwingt. Was ist meine heutige Kernkompetenz? Was kann ich wirklich besser als die anderen? Fokussiere ich genügend bewusst mein Leistungsspektrum? Welche weiteren Fähigkeiten sind unterstützend und somit noch relevant? Welche Aktivitäten sind unwichtig und in der Zukunft zu vermeiden? Alles Fragen, die systematisch mit einem Vertrauten zu diskutieren sind.

Nachfolgend ein Beispiel einer Kompetenzpyramide:


Kompetenzpyramide

Unternehmer erhalten wenig direkten Feedback. Oft haben sie gelernt, sich durchzusetzen und Recht zu behalten. Dabei sind aus unzähligen Lern- und Erfahrungssituationen Muster des erfolgreichen Managen entstanden, die sich über die Zeit verfestigen und kaum hinterfragt werden.

Der Erfolg ist der Ursprung des Misserfolgs. Diese Tatsache haben wir in der über zwanzigjährigen Begleitung von Unternehmern immer wieder feststellen müssen: Wenn mit der Arroganz des Erfolgreichen zeitaktuelle Lösungen nicht akzeptiert werden, wenn auf eingefahrenen Schienen in den falschen Bahnhof gefahren wird...

Mehr Details erfahren Sie im persönlichen Gespräch mit Dr. Leonhard Fopp

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